Material & Haptik

Ein Credo auf die physische Welt

Unsere Umwelt wird zunehmend entmaterialisiert: Digitalisierung, papierloses Büro, Cloud-Archive, Emails und Mark Zuckerbergs Metaversum – all dies sind Zeichen der Jetzt-Zeit, die unser Leben in vielfältiger Weise erleichtern, aber gleichzeitig auch verkomplizieren. Das Smartphone spielt dabei eine zentrale Rolle, ist es doch unser ständiger Begleiter. Wir kommunizieren, interagieren, fotografieren, filmen, spielen, kaufen ein, bezahlen und schauen in die Welt hinein. Es ist sozusagen die Eier-legende-Woll-Millchsau, ohne die das tägliche Leben wahrscheinlich gar nicht mehr funktionieren würde.

Und doch – das Smartphone ist ein haptisches Produkt, das uns in den Händen liegt, sich gut anfühlt und uns den Form-Follws-Function-Gedanken näher bringt. Es hat ein Gewicht, eine Oberfläche, eine Form. Es ist John Maedas personifizierte Einfachheit und Steve Jobs Sinnbild der Perfektion. Ohne sein Gespür wäre es nur ein Stück billiger Kunststoff. Es sind die Details, die Proportionen und das Gefühl auf unserer Haut, die faszinieren – wortwörtlich die Harmonie zwischen „Look and Feel“.

Und so ist es mit vielen Dingen in der physischen Welt.

Je genauer man hinsieht, desto interessanter werden die Dinge, und oft entfaltet sich die wahre Schönheit, wenn wir unser begrenztes Sehvermögen überwinden.

Der Blick ins Mikroskop war für mich ein Schlüsselerlebnis. Eine meiner ersten Arbeiten im Restaurierungs-Atelier Tångeberg war das Freilegen einer kleinen barocken Marienskulptur. Monatelang entfernte ich mit einem Skalpell die oberen Farbschichten, um die darunterliegende Blattvergoldung freizulegen. Nur der ständige Blick durch das Mikroskop ermöglichte mir eine vollkommene Kontrolle über mein Tun. Gleichzeitig zeigte es mir mit überdimensionaler Deutlichkeit mein Scheitern, wenn ich wiedermal zu tief gekratzt hatte.

Im Folgenden möchte ich den Blick schärfen und meine Erfahrungen mit Material und Haptik teilen.